Ostsee-Sturmflut 1872 von
Thomas Sävert
Sturmflutmarke Greifswald-Wieck
Sturmflutmarke 1872 in Greifswald-Wieck

Sturmflut Ostsee 1872:
Am 13. November 1872, also vor mehr als 130 Jahren, ereignete sich an der deutschen Ostseeküste eine schwere Sturmflut von seitdem nie wieder erreichten Ausmaßen. 271 Menschen kamen ums Leben und die Schäden waren enorm. Betroffen waren zahlreiche Küstenorte in Mecklenburg-Vorpommern und an der schleswig-holsteinischen Küste sowie in Dänemark. Hier traf es die Stadt Eckernförde besonders schlimm und der Küstenverlauf wurde durch die Flut grundlegend verändert.
Im Herbst 1872 kam alles zusammen: Am 13. November ging die See mit verheerenden Ausmaßen an Land. Vorzeichen zu dieser Naturgewalt gab es bereits Ende Oktober, denn das Wasser der Nordsee wurde durch heftige Stürme aus West und Südwest zwischen Dänemark und Norwegen in die Ostsee getrieben. Hier staute es sich zu einer ungewöhnlichen Höhe an.
Ab dem 10. November ließ der Wind deutlich nach. War dies die Ruhe vor dem Sturm, wie zum Beispiel die Bewohner auf dem Darß vermuteten? Der aufkommende Nordoststurm entwickelte sich in der Nacht vom 12. zum 13. November zu einem Orkan mit Geschwindigkeiten von 120 km/h und mehr.
Diese Sturmflut wurde erstmalig hydrologisch und meteorologisch näher untersucht und war gleichzeitig die größte bekannte Sturmflut im Ostseeraum, was auch die Scheitelwasserstände von max. 3,50 m ü. NN belegen. Etwa 18 Stunden verblieb der Wasserstand über der Marke von 2,00 m ü.NN.
Der Sturm hinterließ schlimmes Leid bei der Bevölkerung, aber auch Verwüstungen im Landesinnern. 271 Menschen kamen ums Leben, 15.160 Personen wurden hilfebedürftig, 2.850 Gebäude zerstört oder stark beschädigt (Petersen & Rohde, 1991, S. 98; vgl. Kiecksee, 1972, S. 31 ff.).
Bei ähnlicher Wetterlage sind solche Sturmfluten jederzeit wieder möglich. Allerdings wären die Auswirkungen heutzutage wahrscheinlich wesentlich schlimmer. Der Küsten- und Hochwasserschutz muss somit noch wesentlich erweitert werden.

Sturmflutmarke Eckernförde
Sturmflutmarke 1872 in Eckernförde
Sturmflutmarke Lübeck
Haus mit Flutmarke an der Trave in Lübeck
Sturmflut 1872 in Schleswig-Holstein:
In Schleswig-Holstein starben durch die Sturmflut 31 Menschen. In Travemünde gab es erhebliche Schäden im Seebadbereich. Wenig nördlicher wurden große Abbrüche am Brodtener Steilufer verzeichnet. Das Ostseewasser wurde weiter in die Trave hineingedrückt. Besonders schwere Schäden traten im Fischerdorf Gothmund auf, hier blieben von 22 Häusern nur vier unbeschädigt. In Lübeck selbst wurden ganze Straßenzüge unter Wasser gesetzt. In Niendorf wurden mehr als 130 Menschen obdachlos, nachdem ihre Häuser schwer beschädigt oder zerstört waren. In Dahme starben 10 Menschen und etwa 300 waren obdachlos. Im Ort herrschten chaotische Zustände, ein Frachter landete mitten im Ort. Von der Insel Fehmarn wurde etwa ein Viertel bis ein Drittel überschwemmt, 53 Wohnhäuser wurden zerstört und 366 beschädigt. Weiter in Richtung Kiel wurden in den Orten Schönberg, Wentorf, Stein und Laboe fast alle Häuser zerstört. Die Stadt Eckernförde lag völlig ungeschützt in der Eckernförder Bucht. Nach mehreren Durchbrüchen wurden Schienen und Straßen zerstört und Eckernförde war von der Außenwelt abgeschnitten. Das Wasser stieg hier bis 3,76 Meter über NN. In der Stadt wurden 78 Häuser zerstört und weitere 138 zum Teil schwer beschädigt. Größere Überschwemmungen gab es auch in Schleswig und Flensburg.

Allgemeine Links zur Ostseesturmflut 1872:
Ostseesturmflut 1872 (Wikipedia)
Das Rätsel einer Jahrtausendflut - nach 136 Jahren gelöst (Abendblatt, 04.03.2008)

Einige Links zu Berichten aus S-H:
Bericht aus Wisch/Schönberg (Wetterchronik)
Sturmfluten 1872 und 1904 in Kiel (Kiel.de)
Sturmflut 1872 in Ostholstein (Lübecker Nachrichten, 21.10.05)
Sturmflutmarke in Eckernförde
Sturmflutmarken in Lübeck

Pegel in Greifswald-Wieck
Pegel in Greifswald-Wieck
Sturmflut 1872 in Mecklenburg-Vorpommern:
Vor allem an den Küsten zwischen dem Darß und Usedom traten gewaltige Schäden auf. So wurde in Stralsund der gesamte Hafenbereich überschwemmt und zahlreiche Schiffe wurden zerstört. Besonders schwer betroffen waren die Küsten am Greifswalder Bodden. In Wieck, wo sich am Hafenamt noch heute eine Sturmflutmarke findet, wurden fast sämtliche Gebäude zerstört und neun Menschen ertranken. Die Trümmer trieben bis in die Innenstadt von Greifswald. Die Insel Usedom wurde geteilt, der Durchbruch erreichte eine Breite von etwa 2,5 Kilometern. Der Ort Peenemünde wurde komplett überschwemmt. Durchbrüche zeigten sich auch auf der Insel Hiddensee und auf dem Darß. In Mecklenburg wurden im Ostssebad Boltenhagen zahlreiche Gebäude unterspült und stürzten ein. Insgesamt kamen in Mecklenburg-Vorpommern an Land 32 Menschen durch die Sturmflut ums Leben.

Einige Links zu Berichten aus M-V:
Bericht zur Ostsee-Sturmflut aus Warnemünde (Wetterchronik)


Sturmflut 1872 in Dänemark:
Insgesamt 99 Tote gab es in Dänemark, die meisten auf den Inseln Falster und Lolland. Der größte Teil Dänemarks lag voll im Sturm- und Orkanfeld und an Land gab es erhebliche Sturmschäden. Zahlreiche Häfen wurden verwüstet und viele Häuser zerstört. An den Küsten der Inseln strandeten hunderte Schiffe. Heinz Kiecksee verzeichnet für den gesamten Ostseeraum 654 havarierte Schiffe während der Sturmflut im November 1872.

Einige Links zu Berichten aus Dänemark:
Historiske stormfloder (DMI)
Stormfloden på Bornholm 1872
Stormflod dræbte 80 mennesker på Lolland-Falster
Stormflod.dk
Stormfloden 13. november 1872
Stormfloden 13. november 1872
Eine Flutmarke auf Fyn
Grab auf dem Friedhof von Nyord

Heinz Kiecksee
Die Ostsee-Sturmflut 1872
Wissenschaftliche Untersuchungen:
Die Ostsee-Sturmflut im November 1872 war die erste Flut an der Ostsee, die näher untersucht wurde. So rief der dänische Professor Dr. L.A. Colding bereits fünf Tage nach der Katastrophe auf, Berichte und Messwerte der Sturmflut zu schicken. In den folgenden Tagen und Woche erhielt er über 400 Mitteilungen, deren Daten von Colding und auch von anderen Wissenschaftlern gesammmelt und ausgewertet wurden. 100 Jahre nach der Flut erschien die Veröffentlichung von Heinz Kiecksee (siehe nebenstehendes Deckblatt).

Literatur zur Ostsee-Sturmflut 1872:
"Die Ostsee-Sturmflut 1872", Heinz Kiecksee (1972)
"Sturmflut", Friedrich Spielhagen, Roman, 360 S., ISBN 3-356-00694-0
"Die Flut" von Käthe Miethe, 335 S., ISBN: 3356010573

Sturmflutmarke Travemünde
Sturmflutmarken in Travemünde
(links die Marke von 1625, rechts die höhere Marke von 1872)

Hochwasser Kiel Herbst 1989
Hochwasser Kiel Herbst 1989

Pegel Obertrave Lübeck
Pegel an der Trave in Lübeck
Allgemeines zu Ostsee-Sturmfluten:
Die Besonderheit der Ostsee ist das Zusammenspiel aus Wind und lokalen Wasserstandsschwankungen, die das Wasser in dem nahezu abgeschlossenen Randmeer wie in einer Badewanne hin- und herschwappen lassen. Kommt beides zusammen - erst Zurückweichen des Wassers bei starkem Südwestwind, dann plötzliches Nachlassen oder Winddrehung auf Nordost und möglicherweise Auffrischen des Windes - dann können sich an der Ostsee jederzeit wieder schwere Sturmfluten ereignen. Ein weiterer Effekt ist nach langen Westwindlagen das Hereindrücken von Wasser aus der Nordsee ins Skagerrak und dann weiter über das Kattegat in die Westliche Ostsee. Eine der schlimmsten Sturmfluten der vergangenen Jahre wurde am 4. Januar 1995 registriert und richtete vor allem in Mecklenburg-Vorpommern größere Schäden an den Sturmflutschutzeinrichtungen an.

Allgemeine Links zu Ostsee-Sturmfluten:
Aktuelle Wasserstandsvorhersage Ostseeküste (BSH)
Wasserstand mecklenburg-vorp. Küste (BSH)
Hochwasserschutz in der Hansestadt Rostock (rostock.de)
Sturmflut 04.11.1995 (Ostseezeitung, WZ)
Sturmflut 04.11.1995 - Wetterkarten (WZ)
Windsport Fehmarn - Aktuelles Wetter
Sturmfluten an der Ostsee von g-o.de
Bemessungshochwasserstände Ostsee (IKZM-Oder, pdf)
Sturmflut in Mecklenburg-Vorpommern am 21. Februar 2002
Meereskundler legen Sturmflutreport vor (BSH, 30.08.05)
Sturmfluten in der südlichen Ostsee (BSH)
Sturmfluten und Orkane der Ostsee (R. Tiesel)
Sturmfluten in Peenemünde 1900-1905
Hochwasserseite der Stadt Wismar
Hochwasser Travemünde 20./21.02.2002 (Travemünde Vorderreihe)
Sturmfluten in der südlichen Ostsee (BSH)
Sturmfluten und ihre Auswirkungen in Nieby
Über die Ufer treten kann auch die Ostsee (junge Welt)

Sturmflutübung an der Ostsee im Oktober 2005:
Unter dem Namen "Arche 05" probten tausende Helfer u.a. von THW und zahlreichen Feuerwehren Ende Oktober 2005 in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern den Ernstfall.
Großübung für Rettungskräfte (Lübecker Nachrichten, 23.10.05)
Wenn die Flut kommt - Großübung an der Ostsee (ZDF)
Sturm in der Badewanne (taz)
Katastrophenschutzübung an der Ostsee (THW-Kompendium)

Wetterlage 30.12.1904
Wetterlage 30.12.1904 (Wetterzentrale)
Wetterlage im November 1872:
Mehr zur Wetterlage um den 10. bis 14. November 1872 folgt demnächst. Die Sturmflut entstand am Rande eines kräftigen Tiefs, dass von Norditalien nach Norden bis Nordosten zog. Es folgte einer so genannten Vb-Bahn ("Fünf"-b), eine sehr unwetterträchtige Wetterlage. An der Nordwestseite des Tief nahm der Nordostwind extrem zu und erreichte an der Westlichen Ostsee zeitweise Orkanstärke.

Schwere Sturmfluten an der Ostseeküste werden oft auch durch von Nordwesten heranziehende Sturmtiefs ausgelöst. Nebenstehend sehen Sie eine Karte mit der Wetterlage am 30. Dezember 1904, als ein Tief von der Nordsee kommend nach Osten bis Südosten zog. Auf der Rückseite des Tiefs drehte der Wind auf Nord bis Nordost und drückte das Wasser vor allem gegen die Küste Mecklenburg-Vorpommerns.


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